Wann bist du das letzte Mal auf einem Sessel, einem Kissen, am Boden, der Couch (in der U-Bahn, im Zug…) gesessen und zwar „nur“ um zu sitzen??

Sitzen um des Da-Seins-Willen… nicht mehr und nicht weniger?

Ich starte meine yogischen Praxiseinheiten sehr gerne im Sitzen – immerhin stellt das schlichte Sitzen das älteste und zugleich eines der schwierigsten Asanas dar. Außerdem verfüge ich über wunderschöne Sitzkissen und es wäre echt schade, diese nicht zu nutzen.

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yoga-sein im Lebensraum (St.Pölten)

Eines der Ziele der Asanapraxis ist es, den Körper und Geist auf eine stille Sitzmeditation vorzubereiten. Die Stunde am Kissen im Sitzen zu starten kann ganz schön herausfordernd sein, vor allem wenn man will, dass es endlich losgeht! Dass man endlich in die Gänge kommt….

Wir sind es ganz und gar nicht gewohnt „einfach so“ zu sitzen. Das einfache So-Dasein zu pflegen. Wir sind es gewohnt, vor dem Laptop zu sitzen, vor dem Fernseher, beim Essen, in der U-bahn, im Zug, im Auto – aber Sitzen um des Sitzens-Willen stellt beinahe schon einen gewissen Luxus dar. Andere betrachten es als reine „Zeitverschwendung“. Und gleichzeitig entspricht es doch dem großen Bedürfnis unserer Zeit, endlich mal nur zu Sein – nicht wahr?? Zumindest hat mein letztes Schweigeretreat gezeigt, dass immer mehr junge Menschen kommen um zu sitzen.

Da ist eine Energie am Werk, die Thitch Nath Hanh „Gewohnheitsenergie“ nennt. In diesen Dunstkreis fällt auch der yogische Begriff „raga“ (Habenwollen) sowie die Gier (im Buddhismus ein „Geistesgift“) . Aber bleiben wir vorerst beim Begriff „Gewohnheitsenergie“. Was harmlos klingt, besitzt ne gehörige Portion „Ablenkungspower“.

Dieses sich-gedrängt-Fühlen doch lieber etwas anderes zu tun, stammt aus alten Mustern, Situationen, Gewohnheiten und entspringt nicht unseren tatsächlichen Bedürfnissen ganz zu schweigen unserer realen, gegenwärtigen Situation.

Es führt dazu, dass wir beim anfänglich hochmotivierten Versuch, daheim mal ganz allein zu sitzen, nach ein, zwei Minuten doch lieber aufstehen und was „Gescheites“, was Produktives angehen. Genauso bringt es die Gewohnheit, dass einem bewussten Sitzen in der Ubahn meist das Spielen am Handy „dazwischen“ rutscht. Und auch auf dem Meditationskissen im Kreise einer yoginierenden „Zwangsgemeinschaft“ kann man zwar nicht aufhüpfen und trotzdem im Kopf multitasken.

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Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt zu denken, dass sie gerade hier und jetzt nicht zufrieden werden und schauen sich deshalb im Geiste woanders um: am liebsten im Zukünftigen, Kommenden…

Außerdem klebt auf uns ein eigenartiges Leistungsdogma: wir glauben, wir müssen Großes leisten, sprich schwer „arbeiten“ um dorthin (wohin?) zu kommen. Thitch Nath Hanh erinnert an die vererbte Last der Geschäftigkeit als unhinterfragter ultimativer Wert des Lebens.

Besonders wenn wir in eine Gesellschaft mit einer „hohen Arbeitsmoral“ hineingeboren worden sind, fällt das schlichte Sitzen eine große Herausforderung dar.

Darf ich das überhaupt? Was bringt denn das??? Sitzen um des Sitzen Willen kann ich doch später, wenn ich nichts mehr anderes kann – übersetzt: erst wenn ich so „marod“ bin, dass mir ohnehin nichts anderes übrigbleibt. Davor habe ich etwas Sinnvolleres zu tun…

Und schon macht sich schlechtes Gewissen breit, wenn gerade mal nicht der Abwasch erledigt wird, sondern man sich eigentlich zum Sitzen aufmachen möchte. Ich kenne diese Stimme gut, wobei ich erfreulicherweise feststelle, dass es sich um keinen Tinnitus handelt, sondern um eine Stimme, der es gilt, ihren rechtmäßigen Platz einzuräumen.

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Und genau aus diesem Grund versuche ich eine gewisse „Sitzkultur“ in meinen yogischen Praxiseinheiten zu etablieren – Samen der Freude zu säen, die mit der Zeit keimen und wachsen und einen meist dann überkommen, wenn man mal gar nichts erwartet, sondern „einfach“ offen, neugierig und hingebungsvoll sitzt…

Und vielleicht ermutigen diese Erfahrungen dazu, auch mal im Alltag Sitzpausen einzulegen, den Abwasch später zu erledigen, das Telefon in der Tasche zu lassen oder am Spielplatz mal eine bewusste Sitzpause einzulegen – einen, zwei oder drei Versuche wärs allemal wert.

Liebe Grüße,

Sabine