leiser treten

Es ist bitter, es ist spürbar: eine akute Kehlkopfentzündung zwingt mich seit mehreren Tagen dazu, das Sprechen sein zu lassen. Ich, diejenige, die sich regelmäßig und freiwillig ein Schweigeretreat verordnet, ich werde jetzt von ärztlicher Seite dringend dazu angehalten, das Sprechen sein zu lassen….sonst…. ja sonst könne das gravierende Folgen für meine Stimme haben.

Und das ist zu Beginn alles andere als lustig.

Ich bin über meine Grenzen gegangen, habe meine Stimme rausgepresst, obwohl sie eigentlich gar nicht mehr da war, habe mit letzter Kraft „geheisert“ und weiter gearbeitet – nicht wahrhaben wollend, dass die vielen Hausmittelchen, die ich zwischen Tür und Angel an meinen dichtest getakteten Arbeitstagen konsequent eingenommen habe, eigentlich eh schon nichts mehr geholfen haben: ich war schon drüber.

Eigentlich hätte ich schon längst… ja eigentlich…

Dieses Überschreiten meiner Grenzen lehrt mich wieder so einiges… und manches davon hab ich noch gar nicht wirklich am Radar. Mir ist auf jeden Fall klar geworden, dass eines meiner wichtigsten beruflichen Werkzeuge meine Stimme ist.

Weiters bin ich immer wieder beeindruckt von  den „Superkräften“ meines Egos – mein Wille, der die Zeichen meines Körpers links liegen hat lassen.

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Ich habe mir zuletzt wenig Zeit für Ruhe und Stille genommen: für den Raum zwischen Reiz und Reaktion, ein Innehalten, ein Ausbalanzieren. Zwischen Arbeit und Social-Media, immer mit anderen Gruppen von Menschen kommunizierend, hat mich über weite Strecken die Achtsamkeit verlassen, fand ich wenig Gelegenheit für „mal Nichts-Tun“ – für ein Offline gehen, damit ein Online sich wieder gut anspürt.

Yoga zu unterrichten war immer eine Wohltat – die regelmäßige persönliche Praxis habe ich zuletzt etwas schleifen lassen…

Die nun verordnete Ruhe schafft irgendwie auch Erleichterung.

Ich habe beschlossen, etwas leiser zu treten.

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Ich kommuniziere mit meinem Partner und anderen Menschen derzeit schriftlich.

Mein Partner redet – ich höre zu. Und das entschleunigt mich ungemein. Ich merke, wie sich mein Zuhören verändert, wie sich eine Achtsamkeit breitmacht, unsere Kommunikation mit Blicken und Gesten einwandfrei funktioniert. Ich lasse mir Zeit mit meinen Reaktionen, überlege, ob es jetzt wirklich not-wendig ist zu reagieren, etwas aufzuschreiben… Ich spüre, wie mich mein Partner spürt, wie er meine Gedanken manchmal beinahe lesen kann. Es tut gut, mal nichts Lautes von sich zu geben. Ein neues Achtsamkeitstool, das ich da entdeckt habe. Wenn du einen „Sinn“ verlierst, dann schärfen sich andere: das Sehen, das Hören…..

Sprechen ist ein Nach-Außen gehen, wenn du schweigst, dann bleibst du mehr in deinem inneren Erleben.

Wirklich spannend, wenn du nicht auf einem Retreat, sondern in einer Runde von Menschen schweigst, die spricht. Wo gibst du deinen Senf schriftlich dazu? Wo lässt du es gut sein? Was ist dir wichtig? Wo bleibst du einfach mit deiner Mimik und Haltung präsent? Welche Gefühle, besonders unangenehme, tauchen auf?

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Nicht zu sprechen entschleunigt automatisch. Sich auch nicht gleichzeitig von Radio, Fernseher, Handy berieseln zu lassen bringt dich ebenso zum Bremsen und zum Wahrnehmen der vielen Geräusche in Verbindung mit dem, was du tust und dich umgibt. Du wirst wacher und gesammelter…in manchen Augenblicken, wenn du dich z.B. hinsetzt und dir ein paar Momente Zeit nimmst, die Sonne zu spüren in diesen kostbaren Momenten von Helligkeit im Spätherbst, macht sich Stille breit.

Und wenn Stille entsteht –  kehrt automatisch Frieden ein.

Auch wenn ich mich darauf freue, wenn ich mich wieder stimmlich ausdrücken kann, so finde ich es gar nicht mehr so schlecht, diese Erfahrung gemacht zu machen.

SHANTI und alles Gute,

Sabine

 

 

 

2 Kommentare

  1. Toll und aus dem Herzen geschrieben.
    Habe auch gerade wieder diese Achtsamkeitsübung bekommen, achtsam mit mir und meinem Körper zu sein.
    Von Freitag auf Samstag hat mich heftiger Husten nicht schlafen lassen, hab in der schlaflosen Zeit damit gerungen meine geplanten Aktivitäten für Samstag, wo ich glaubte unbedingt dabei sein zu müssen, abzusagen oder nicht.
    Hab’s dann wahrgenommen und wandern abgesagt, Konzertkarte weitergegeben und Zeit mit mir verbracht. Anstatt Outdoor Aktivität Indoor Aktivität, Weihnachtspackerl für meine Lieben in Ruhe und mit vielen guten Gedanken vorbereiten, Laden sortieren und ausräumen, nach innen schauen und sich selbst genug sein.
    Gute Besserung

    • sabineziegelwanger

      November 18, 2018 at 7:28 pm

      Liebe Anneliese,

      Wie schön, dies zu lesen. Danke für diese, deine Geschichte. Wie gut es tut, manchmal von unserem Körper ein bisschen zurecht gerückt zu werden; Dinge relativieren sich, werden lockerer, wie z.B. fixe Überzeugungen, etwas tun zu müssen…
      Annehmen und mit dem Sein, was grad ansteht ist einfach der heilsamere Weg.
      Und so beschreibst du ja auch sehr schön: es fließt, heilt und die Kreativität findet ihren Raum.
      Was will frau mehr?
      Auch dir gute Besserung. Bis bald!

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